teletutoren.net - Experteninterview des Monats


Interview im Januar 2007:
Interview mit Dr. Okke Schlüter, Pädagogischer Leiter der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD): "Teletutoren moderieren fragmentierte Lernprozesse und sorgen für Konvergenz"

teletutoren.net: Herr Dr.Schlüter, Sie sind pädagogischer Leiter der Studiengemeinschaft Darmstadt, einem renommierten Fernunterrichtsanbieter. Seit wann gibt es die SGD und seit wann werden Teletutoren (bei der SGD "Fernlehrer" genannt) zur Betreuung der Kursteilnehmer eingesetzt? Wie viele Teletutoren/Fernlehrer beschäftigen Sie momentan?

Dr. Okke Schlüter: Die SGD wurde 1948 gegründet, um in der Zeit des Wiederaufbaus den Menschen Weiterbildung zu ermöglichen. Vor dem 2. Weltkrieg hatte es bereits Selbstlernmaterialien gegeben, neu war die tutorielle Betreuung durch Fernlehrende, die bei der SGD von Anfang an dazugehörte. Durch diese Erweiterung ist aus dem Selbstlernprozess Fernunterricht geworden. Die Notwendigkeit selbstgesteuertes Lernen zu betreuen, die durch das E-Learning in den 1990er Jahren sehr aktuell wurde, bestand im Fernunterricht von Anfang an. Gegenwärtig beschäftigt die SGD ca. 350 Tutoren.

teletutoren.net: Man kann jederzeit mit einem Kurs bei der SGD starten. Wie sieht das Betreuungskonzept der SGD im Detail aus, da es ja schwierig ist, feste Lerngruppen zu bilden? Welche Medien (Lernplattform etc.) werden eingesetzt und zu welchem Zweck?

Dr. Okke Schlüter: Fernunterricht ist bei der SGD in der Tat eine sehr individuelle Lernform. Ebenso wie die Vertragsbedingungen können Lernorganisation und Lerntempo individuell gestaltet werden. Auch die tutorielle Betreuung geht auf individuelle Spezifika und Fragen ein, die Betreuungsleistungen der Tutoren bzw. Fernlehrenden sind vielfältig: sie korrigieren die „Einsendeaufgaben“, beantworten Anfragen zum Lernstoff (und darüber hinaus) schriftlich oder telefonisch. Auf der SGD-eigenen Lernplattform waveLearn moderieren sie Foren und Chats, geeignete Lerninhalte vermitteln sie in virtuellen Klassenzimmern; darüber hinaus moderieren Tutoren zum Teil auch peer-to-peer-Kommunikation, d.h. die Kommunikation zwischen den Teilnehmern eines Lehrgangs. Die Moderation durch die Tutoren sorgt dafür, dass sich der scheinbare Widerspruch zwischen individuellem Lernen und Lerngruppen auflöst.
Im Gegensatz zu dem Tutorenverständnis bei Frank Böhm (siehe Interview vom Oktober 2006) sind die Tutoren bei der SGD alle auch Fachexperten – das ist keine Frage der Sichtweise sondern eine Notwendigkeit des Betreuungskonzeptes.

teletutoren.net: Teletutoren werden auch als Schnittstelle oder „Rückkoppelungsinstanz“ zwischen Bildungsanbieter und Kursteilnehmern bezeichnet, da sie laufend Informationen über die Befindlichkeit und den Lernerfolg, aber auch über Schwierigkeiten und zusätzliche Lernbedarfe der Teilnehmer erhalten. Was erwarten Sie von Ihren Teletutoren/Fernlehrern in dieser Hinsicht und wie verläuft die „Rückkoppelung“ bei der SGD?

Dr. Okke Schlüter: Das ist ein ebenso wichtiger wie komplexer Aspekt. Die Rückkopplungsfunktion ist ein Erfolgsfaktor von Fernunterricht, der über das Gelingen des Lernprozesses entscheidet, wie auch für das Qualitätsmanagement des Anbieters von Bedeutung ist. Als Anbieter erwarten wir eine individuelle Betreuung der Lerner in ganz unterschiedlicher Hinsicht: man muss das individuelle Vorwissen der Lerner im Blick behalten, die Einbettung des Lernens in den Arbeits- bzw. Familienalltag. Dazu kommen Standardaspekte wie Lernertyp und individuelles Lernverhalten. Dies ist bei der Korrektur und Kommentierung von Einsendeaufgaben ebenso zu beachten wie bei Anfragen zum Stoff oder beim Coaching der Lerner zum selbstgesteuerten Lernen.

Die SGD erhält von ihren Tutoren wichtige Hinweise zu den eingesetzten Lernmaterialien und -aufgaben. Darüber hinaus wünschen wir uns von Tutoren auch kreative Verbesserungsvorschläge, was die eingesetzten Formen der Betreuung betrifft. Bei all dem muss man wissen, dass der Kontakt der SGD zu ihren Teilnehmern nicht ausschließlich über die Tutoren zustande kommt. Alle Teilnehmer haben zusätzlich persönliche Studienbetreuer, die bei organisatorischen Fragen helfen und den Lernprozess begleiten. Fachliche Dinge werden aber ganz überwiegend mit den Tutoren besprochen.

teletutoren.net: Welche Trends zeichnen sich Ihrer Meinung nach auf dem Fernunterrichtsmarkt ab? Werden sich die Anforderungen an die Teletutoren aufgrund neuer Entwicklungen Ihrer Ansicht nach ändern? Und wie schätzen Sie die Nachfrage nach qualifizierten Teletutoren in der Zukunft ein?

Dr. Okke Schlüter: Ich erwarte generell einen steigenden Bedarf an (Tele)Tutoring. Zwei Trends werden den Bedarf steigern: zum einen das zunehmende mobile Lernen, zum anderen hybride Lernarrangements (Blended Learning). Zum Blended Learning zählt in einem erweiterten Verständnis auch das Distance Learning. In beiden Fällen, besonders aber beim Blended Learning, moderieren Teletutoren fragmentierte Lernprozesse und sorgen für eine Konvergenz des Lernprozesses. Teletutoring bzw. eine Qualifikation zum Teletutor wird gleichzeitig aber auch selbstverständlicher werden. Doppelqualifikationen aus der Methodenkompetenz eines Teletutors und dem Wissen eines Fachexperten werden aber gesuchte Kombinationen bleiben.

teletutoren.net: Wir bedanken uns für dieses interessante Gespräch!

Interviewerin: Gabriela Pflüger


Dr. Okke Schlüter
Pädagogischer Leiter der Studiengemeinschaft Darmstadt

Zur Person: Dr. Okke Schlüter arbeitete innerhalb der Klett-Gruppe zunächst bei PONS. Dort war er an der Entwicklung eines Blended-Learning-Systems für Fremdsprachen beteiligt. Im Schulbuchbereich von Klett verantwortete er neben einer Lehrwerksfamilie auch Lernsoftware. Parallel hielt er eine Reihe von Vorträgen u.a. auf dem Blended Learning Symposium, der „Sprachen & Beruf“ sowie der Online Educa Berlin. Seit 2006 ist Dr. Schlüter bei der SGD als pädagogischer Leiter für die Entwicklung und Durchführung von Lehrgängen zuständig; dazu zählt auch die Betreuung durch Teletutoren.

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