teletutoren.net - Experteninterview des Monats


Interview im April 2008 mit Claudia Cunico:
„e-School-Online: Innovativer Italienischunterricht“

teletutoren.net: Sie betreiben eine Online-Sprachschule für Italienisch. Dies ist eine innovative und moderne Idee des Sprachunterrichts, für die wir Sie beglückwünschen möchten. Uns interessiert zuallererst, wie Ihre Zielgruppe dieses Angebot bislang annimmt.

Claudia Cunico: Vielen Dank für die Glückwünsche! Die Initiative e-school-online.net ist sehr jung und noch im Aufbau: im Moment haben vor allem Studierende Interesse daran gezeigt. Sie lassen Offenheit sowie Neugier für neue Methoden erkennen und verfügen über eine gute Medienkompetenz. Die Teilnehmer begrüßen die Möglichkeit, bei freier Zeiteinteilung lernen zu können (die Abgabefristen für die Einsendeaufgaben werden rechtzeitig bekannt gegeben und sind „großzügig“ kalkuliert). Sie wissen es außerdem zu schätzen, dass der Tutor auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen kann, was in einem traditionellen Unterricht mit 15 Teilnehmern nicht immer möglich ist.
Es handelt sich um Lernende, die bereits über Sprachkenntnisse verfügen und diese rasch auffrischen bzw. vertiefen möchten. Es ist noch eine gewisse Skepsis gegenüber dem reinen Live-Online-Lernen zu spüren, deshalb werden die Kurse zur Zeit in Blended-Learning angeboten, d.h. Präsenzphasen werden durch tutorielle Betreuung auf der Lernplattform www.moodle.e-school-online.net begleitet. Während des Unterrichts in Präsenz wird den kommunikativen Aspekten der Sprache viel Raum gewidmet; auf der Lernplattform haben die Teilnehmer die Möglichkeit, das Gelernte durch interaktive Übungen zu vertiefen, den Wortschatz zu trainieren und die eingeführten grammatischen Themen zu festigen. Darüber hinaus werden Lese-, Hörverständnisübungen und weitere Aufgaben (Websearch, Webquests) angeboten, die bei freier Zeiteinteilung abgegeben werden können.
Selbstverständlich wird auf der Plattform z.B. in Foren auch diskutiert: landeskundliche Themen, die teilweise in Präsenz eingeführt wurden, geben Anlass zu einem Austausch von Eindrücken, Erfahrungen, Meinungen und bieten gleichzeitig eine Möglichkeit, das Schreiben in der Zielsprache - einer der Sprachkompetenzen, die oftmals in einem „traditionellen“ Unterricht zu kurz kommt - zu üben. Die Teilnehmer brauchen in diesem Fall keine Angst haben, sich mit Fehlern zu blamieren, denn sobald es mir möglich ist, bearbeite ich ihre veröffentlichten Beiträge, beseitige mögliche sprachliche Unreinheiten und kommentiere sie in einer eigenen persönlichen Mail.

teletutoren.net: Das hört sich alles sehr verheißungsvoll an! Wie schätzen Sie das längerfristige Wachstumspotential Ihrer Sprachschule ein?

Claudia Cunico: Nun, obwohl einige Lernende dieser neuen Lernmethode mit Vorbehalten gegenüber stehen, bin ich mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist: diese neue Form des Unterrichts wird sich bald durchsetzen und überzeugen! Gerade junge Lernende begrüßen alles, was nicht Frontalunterricht ist: sie benutzen schon privat Kommunikationsprogramme und fühlen sich dabei wohl! Warum sollte man diesem Enthusiasmus nicht entgegenkommen?.


Claudia Cunico,
e-school-Online

teletutoren.net: Sie haben schon einige Jahre Erfahrung im Präsenzunterricht als Sprachlehrerin. Wie unterscheidet sich der Online-Sprachunterricht davon? Worauf müssen Sie nun achten und welche neuen oder andersartigen Konzepte setzen Sie online ein?

Claudia Cunico: Oh je, darüber könnte man ja ein Buch schreiben! Der Ablauf ist schon sehr ähnlich, nur die Art und Weise wie man die Inhalte präsentiert und bearbeitet (bzw. bearbeiten lässt) unterscheiden sich. Hier ein paar Beispiele (ich beziehe mich an dieser Stelle auf die Arbeit mit der Lernplattform). Vor Einführung eines neuen Themas bietet man eine „Motivations- bzw. Aufwärmungsphase“ an: im Unterricht erfolgt dies entweder im Plenum (z.B. Brainstorming) oder als Gruppenarbeit (Interviews) meistens unter Einsatz von Bilder-, Video- oder Audiomaterial. Auf der Plattform erfolgt dies durch ein einfaches Websearch oder auch als Brainstorming mithilfe der Wikifunktion.

Die neuen Inhalte werden in beiden Fällen induktiv erschlossen: aus Beispielen und Hilfestellungen ist der Lernende in der Lage, die Regel selber zu formulieren. Im Unterricht hat er meistens z.B. eine Tabelle auf dem Übungsblatt zu vervollständigen; auf der Lernplattform erfolgt ein ähnlicher Prozess, wobei die o.g. Lösungen eingereicht und vom Tutor individuell kommentiert werden. Daraufhin werden interaktive, selbstlösende Übungen angeboten, damit der Lernende Sicherheit gewinnt. Die Schwierigkeit der Übungen steigt nach und nach, wobei die letzten Aktivitäten Einsendeaufgaben sind, die der Tutor umgehend überprüft. Im Unterricht werden Übungen angeboten, die der Lernende entweder allein od. in kleiner Gruppe bearbeiten kann. Die Korrektur erfolgt umgehend und meistens in Plenum wobei die Kursleitung sich nur ein begrenztes und allgemeines Bild machen kann, ob das eingeführte Thema wirklich „sitzt“. Bei den Einsendeaufgaben sieht es ganz anders aus: der Tutor kann wohl nachvollziehen, ob jeder Teilnehmer wirklich mitkommt, und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen.
Die wahre Herausforderung ist ja die Motivation! Im Onlinelernen muss der Tutor praktisch rund um die Uhr präsent sein, rasch reagieren und sich stets etwas einfallen lassen, damit die Teilnehmer aktiv bleiben und sich nicht „allein“ fühlen!

teletutoren.net: Was halten Sie von Ausflügen mit Ihren Sprachschülern in das "Second Life"? Ist diese 3D-Umgebung aus Ihrer Sicht auch für den Sprachunterricht geeignet?

Claudia Cunico: Leider habe ich mit „Second Life“ noch nicht besonders viele Erfahrungen sammeln können, ich muss aber gestehen, dass es mich nicht überzeugt hat: Es bietet zu viele Ablenkungen und ist lediglich für geübte User geeignet. Befragungen (w3b) haben ergeben, dass die Mehrheit der Nutzer SL oft schon nach dem ersten Besuch nicht wieder aktiv nutzen. Das muss ja einen Grund haben. Was mich noch mehr erschreckt, ist die Entfremdung, die dabei entsteht, ein gefährlicher Aspekt gerade für junge Teilnehmende, den ich keineswegs unterstützen möchte. Eine Sache ist von einem Kommunikationsprogramm zu profitieren und eine andere ist „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ zu spielen.
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teletutoren.net: Auf Ihrer Plattform befindet sich auch ein Fragebogen zur "Lerntypenanalyse". Inwieweit berücksichtigen Sie verschiedene Lerntypen bei Ihrer Konzeption? Gibt es aus Ihrer Sicht auch Lerntypen, für die Online-Sprachunterricht gar nicht geeignet ist? Und falls ja, warum?

Claudia Cunico: Es war mir wichtig, dass sich die Interessenten bewusst werden, wie sie lernen und ihre Lernumgebungen und -gewohnheiten dementsprechend anpassen. Man unterscheidet zwischen dem auditiven, visuellen, kommunikativen und dem motorischen Lerntyp, allerdings spricht man ja letztendlich nur von „Mischtypen“.
Der visuelle Lerntyp wird sich auf einer Plattform besonders wohl fühlen, aber natürlich möchte man alle Lerntypen ansprechen! Der kommunikative Lerntyp findet sich in Foren in seinem Element sowie während (Video-) Chat Sitzungen - Hand in Hand mit dem Auditiven. Der motorische Lerntyp wird sich mit den interaktiven Übungen austoben können.

teletutoren.net: Über welche Kompetenzen und Einstellungen müssen Ihre Teilnehmer darüber hinaus verfügen? Und wie hoch sind die Anforderungen aus technischer Sicht?

Claudia Cunico: Verteiltes und autonomes Lernen erfordert ja eine gewisse Selbstdisziplin und Organisation. Ungeübten Lernern kann dabei die Führung eines Lerntagebuches behilflich sein: es hilft ihnen sich nicht zu verzetteln und gleichzeitig die Fortschritte und Erfolgserlebnisse stets vor Auge zu haben. Aus technischer Sicht reicht für die Nutzung der Lernplattform eigentlich die reine Internetverbindung schon aus. Für die Live-Online-Sessions braucht man ein Headset und eventuell eine Webcam.

teletutoren.net: Bislang kann man bei Ihnen ausschließlich Italienisch lernen. Haben Sie vor, auch weitere Sprachen in Ihr Angebot aufzunehmen?

Claudia Cunico: Oh ja! Natürlich beabsichtige ich weitere Sprachen im Bereich Erwachsenbildung anbieten zu können, aber was mir im Moment mehr am Herzen liegt, ist ein neues Projekt für Schüler ins Leben zu rufen. Als zweifache Mutter bin ich mir wohl den neuen Herausforderungen und Lücken des Schulsystems bewusst: viele Schüler brauchen Hilfe bei der Erledigung der Hausaufgaben und Vorbereitung auf Klassenarbeiten. Manche Eltern fühlen sich dabei oft überfordert und kommen auch inhaltlich nicht unbedingt mit. Ich möchte eine Art Online-Schülerhilfe gründen, die fächerübergreifend Betreuung und Hilfestellungen in Form von Online-Aktivitäten anbietet.

teletutoren.net: Vielen Dank für dieses interessante Interview und viel Erfolg bei Ihren Plänen!

Interviewerin: Gabriela Pflüger