teletutoren.net - Experteninterview des Monats


Interview im Mai 2006: "Teletutoren und Live-E-Learning"
Interview mit Rüdiger Keller, Teletutor der virtuellen Hochschule Bayern und Doktorand am Lehrstuhl für Medienpädagogik der Uni Augsburg. Betreiber des Forums teletutor.net

teletutoren.net: Herr Keller, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Rüdiger Keller: Mein Name ist Rüdiger Keller und ich bin Doktorand am Lehrstuhl für Medienpädagogik in Augsburg. Meine Dissertation beschäftigt sich mit dem Live E-Learning und der damit verbundenen Qualifikation von Teletutoren. Ich betreue wissenschaftlich die synchrone Weiterbildung des Projektes "Intel - Lehren für die Zukunft". Darüber hinaus habe ich an zwei Weiterbildungen zum Teletutor teilgenommen. Einerseits an der LMU München im Rahmen der Virtuellen Hochschule Bayern. Zum anderen an der Weiterbildung zum Teletutor an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen.

teletutoren.net: Wieso haben Sie das Forum teletutor.net ins Leben gerufen?

Rüdiger Keller: Ich denke, dass der Bereich des E-Learning, insbesondere der des Teletutoring, noch sehr jung ist. Dadurch gibt es noch viel Uneinigkeit in der Praxis, aber auch in der Wissenschaft. Um die Diskussionen zu fördern, die sich in diesem Bereich entwickeln, wollte ich eine Plattform zur Verfügung stellen. Auf der Seite www.teletutor.net können Teletutoren Ideen mit einem Fachpublikum austauschen, Anregungen bekommen und Gleichgesinnte treffen.

teletutoren.net: Welche Möglichkeiten haben Sie genutzt, Ihr Forum bekannt zu machen? Wie ist die Akzeptanz des Forums bei Ihrer Zielgruppe?

Rüdiger Keller: Die Seite ist auf einschlägigen Webseiten verlinkt. Damit wollen wir erreichen, dass unser Service auch gefunden wird. Desweiteren wird auf Veranstaltungen zu diesem Thema immer wieder auf unsere Seite hingewiesen. Die Akzeptanz der Seite ist sehr gut. Die Resonanz, die wir erfahren, ist stets positiv. Leider aber spiegelt sich diese hohe Akzeptanz nicht immer in den Zahlen wieder. Zwar haben wir sehr hohe Benutzerzahlen, wenn man sich die Log-Dateien anschaut. Ich denke ca. 200 Hits am Tag von verschiedenen IP Adressen ist eine realistische Zahl. Aber leider konnten wir bisher die Leute noch nicht zu einer regen Diskussion ermutigen. Allerdings mit steigenden qualitativen Angeboten auf der Seite wird sich das bestimmt noch ändern.

teletutoren.net: In Ihrem Dissertationsvorhaben beschäftigen Sie sich mit Live-E-Learning. Was hat man sich genau darunter vorzustellen?

Rüdiger Keller: Live E-Learning ist eine sehr faszinierende Form des E-Learnings. Hierbei handelt sich um ein synchrones Lernen. Das heißt, dass sich die Lernenden und die Lehrenden zeitgleich an verschiedenen Orten befinden. Zur Kommunikation werden sogenannte „Virtuelle Klassenzimmer“ eingesetzt. Virtuelle Klassenzimmer sind online-basierte Umgebungen für synchrone Lernprozesse. Realisiert wird dies durch eine Software. Die Werkzeuge, die in solchen Virtuellen Klassenzimmern zur Verfügung stehen sind vielfältig: Es können Powerpoint Folien gezeigt und besprochen werden, an digitalen Tafeln gearbeitet werden oder aber per Application Sharing gemeinsame Computeranwendungen genutzt werden. Letzteres ist insbesondere gut geeignet, um eine Software zu zeigen und zu erlernen.

Rüdiger Keller
Doktorand am Lehrstuhl für Medienpädagogik der Uni Augsburg

teletutoren.net: Benötigen Teletutoren spezielle oder zusätzliche Kompetenzen für das Live-E-Learning?

Rüdiger Keller: Davon bin ich überzeugt. Nehmen Sie das Beispiel von spontanen Situationen, die auf Grund der zeitgleichen Kommunikation entstehen können. Nehmen wir weiter an, es liegt bei einem Teilnehmer eine technische Schwierigkeit vor. Beim asynchronen E-Learning können Sie sich besser vorbereiten und überlegen, wie sie auf diese spezifische Situation reagieren. Als Teletutor im Live E-Learning müssen Sie zeitnah bzw. sofort darauf reagieren. Unterschiede zum asynchronen Lernen gibt es aber auch in anderen Feldern: das gleichzeitigen Achten auf den Chat, die eigene Stimme, den eigenen Vortrag und vielleicht noch auf ein Videobild erfordern eine hohe Konzentration. Die Stimme als Medium der Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Die Interaktivität zwischen Lehrendem und Teilnehmern ist auch ein wichtiger Faktor für das Live E-Learning, damit niemand das Gefühl bekommt, in einem Vorlesungssaal ohne Interventionsmöglichkeiten zu sitzen. Ich denke, dass es Überschneidungen mit den Kompetenzen des asynchronen Lernens gibt, aber auch Unterschiede.

teletutoren.net: Welche Tipps können Sie unseren Teletutoren in Bezug auf Live-E-Learning geben?

Rüdiger Keller: Wahrscheinlich passt dies zu allen Lebenslagen, und darum auch im Live E-Learning: Nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch wenn etwas nicht funktioniert, verlieren Sie nicht den Humor. Die Teilnehmer honorieren dies durchaus und haben Verständnis, wenn etwas Mal nicht so klappt, wie es sollte.

teletutoren.net: Werden Ihrer Meinung nach zukünftig Online-Szenarien, die hauptsächlich auf asynchrone Kommunikation setzen, aus der Bildungslandschaft verschwinden? Oder gibt es auch zukünftig Einsatzbereiche für asynchrone Szenarien?

Rüdiger Keller: Wenn man sich die Geschichte der Medien anschaut, so hat ein neues Medium nie eine altes verdrängt. Wir schauen heute genauso gerne Fernsehen, wie wir morgens Radio hören oder die Tageszeitung lesen. Ich glaube beim E-Learning ist das ähnlich. Synchrone und asynchrone Lernformen werden sich ergänzen. In einer globalisierten Welt wird das Lernen auch global stattfinden. Ich denke da z.B. an weltumspannende Unternehmen. Allerdings wird man in arge Bedrängnis kommen, wenn man in Deutschland ein virtuelles Treffen um 14:00 einberuft, wenn es in Wellington / Neuseeland 3:00 morgens ist. Somit ist das asynchrone Lernen z.B. unabdingbar für interkulturelle Gruppen, die weit voneinander entfernt bzw. durch Zeitzonen getrennt sind. Denn die zeitgleiche Anwesenheit ist schlicht nicht möglich. Es sei denn, es finden sich genügend Mutige, die sich auch um 3:00 morgens einloggen. ;-)
Synchrones Lernen ist besonders gut geeignet, um Faktenwissen zu vermitteln oder Fähigkeiten zu schulen. Themen, die ein profundes und tieferes Verständnis erfordern, können nicht ausschließlich synchron vermittelt werden. Und schließlich: Zur Terminvereinbarung ist man für gewöhnlich immer noch auf E-Mails angewiesen. Es zeigt sich, denke ich, dass ein Ineinandergreifen beider Formen des E-Learnings mehr als sinnvoll ist.

teletutoren.net: Herr Keller, vielen Dank für dieses interessante Interview!