| teletutoren.net:
Frau Dr. Ojstersek, bitte stellen Sie sich kurz vor.
Dr. Nadine Ojstersek: Als wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement
an der Universität Duisburg-Essen bin ich sowohl in der Präsenzlehre,
als auch im Rahmen des Online-Masterstudiums und Zertifikatskurses
Educational Media tätig. Das Master-Studienprogramm Educational
Media bietet eine fundierte Weiterbildung für Personen, die
sich für neue Medien in der Bildung interessieren. Er bietet
die interdisziplinär angelegte, theoretische Vertiefung des
Wissens und eine praxisnahe Anwendbarkeit im Bereich der Konzeption
und Realisierung mediengestützter Lernangebote.
teletutoren.net:
Wie werden die Online-Studierenden betreut?
Dr. Nadine Ojstersek: Unsere Studierenden
bilden mit i.d.R. 5-6 Personen eine Lerngruppe. Eine Lerngruppe
absolviert gemeinsam das gesamte Studium und hat ihren eigenen Online-Tutor
bzw. ihre eigene Online-Tutorin (LerngruppentutorIn). Diese/r dient
als erste/r AnsprechpartnerIn, der bzw. die sie das ganze Studium
über begleitet und alle organisatorischen Fragen klärt
und persönliche Anliegen mit ihnen bespricht. Wenn möglich
werden auch technische und inhaltliche Fragen von den LerngruppentutorInnen
beantwortet oder ggf. an die entsprechenden ExpertInnen weitergeleitet.
Als ExpertInnen stehen den Studierenden für die inhaltliche
Betreuung FachtutorInnen und ein technischer Support zur Verfügung.
Das viersemestrige Studium startet mit einer (Kick Off-) Präsenzveranstaltung,
um den Lernenden insbesondere eine technische Einführung zu
geben und um die Lerngruppenbildung zu unterstützen. Dieser
Präsenzveranstaltung folgt die erste Onlinephase, in der den
Studierenden in einem dreiwöchigen Rhythmus Studienmaterialien
(Studienbriefe, Einzel- und Gruppenaufgaben etc.) auf einer Lernplattform
zur Verfügung gestellt werden. Jedes Semester schließt
mit einer Präsenzveranstaltung ab, um Prüfungen abzulegen,
Projekte zu präsentieren und um den Austausch in den Lerngruppen
und mit den Online-TutorInnen zu fördern.
teletutoren.net:
Warum begleitet der Online-Tutor die Studierenden das ganze Studium
über? Worin liegen die Vorteile?
Dr. Nadine Ojstersek:
Lerngruppen, die das gesamte Studium über zusammen bleiben,
bieten eine gute Voraussetzung für die Bildung einer auf Vertrauen
basierenden Beziehung. Auch zwischen dem/der Online-TutorIn und
der Lerngruppe wird ein stärkeres Vertrauensverhältnis
hergestellt, wenn er/sie die Lerngruppe konstant begleitet. Solche
Vertrauensnetzwerke bilden eine gute Grundlage für eine motivierende
und aktive Lernatmosphäre. Bei einem konstanten „Lerngruppen
– Online-Tutorverhältnis“ sehe ich den Vorteil
in dem großen Zeitraum des Zusammen-Lernens und der Möglichkeit
der Entwicklung eines Gruppengefühls und des Aufbau von persönlichen
Beziehungen. Auf diese Weise wird u.a. der sozialen Isolierung entgegengewirkt
und die Dropout-Quote verringert. Gerade für zeitlich länger
angelegte Lernangebote, wie bei unserem Online-Studium, scheint
dieses Konzept sinnvoll. Online-Tutor/inn/en benötigen hierzu
vor allem soziale und didaktisch-methodische Kompetenzen, um solche
Lerngemeinschaften aufzubauen und eine gute Lernatmosphäre
herzustellen.
teletutoren.net:
Gibt es auch Argumente für einen Wechsel?
Dr. Nadine Ojstersek:
Eine andere Variante wäre, dass variable Lerngruppen gebildet
werden, die jeweils z.B. einen Kurs durchlaufen, ein Semester oder
auch nur eine gemeinsame Gruppenaufgabe. Anschließend finden
sich – je nach z.B. Kurs- oder Aufgabenwahl – immer
wieder neue Lerngruppen und Online-TutorInnen-Konstellationen zusammen.
Aufgrund der kurzen Zeit des Zusammenseins, kann hier jedoch keine
vergleichbare Vertrauensbasis hergestellt werden. Der Vorteil liegt
allerdings in der Vielfältigkeit der Kontakte und Perspektiven.
In einer Befragung im Rahmen des Studienprogramms Educational Media
waren sich alle Studierenden bei der Frage, ob sie sich einen Wechsel
des Lerngruppentutors bzw. der Lerngruppentutorin wünschen
einig: Alle Befragten lehnen einen Wechsel des Lerngruppentutors
bzw. der Lerngruppentutorin ab und wünschen sich stattdessen
eine konstante Betreuungsperson. Darüber hinaus ist den meisten
Befragten die soziale Kompetenz bei einem/r LerngruppentutorIn am
wichtigsten und sie legen großen Wert auf den sozialen Kontakt
[Link].
Zur Person: Dr. Nadine Ojstersek (geboren
1976 in Recklinghausen) studierte nach dem Abitur (1996)
Pädagogik, Soziologie und Sozialpsychologie und –anthropologie
an der Ruhr-Universität Bochum. Nach ihrem Studienabschluss
(B.A.) (2000) arbeitete sie ein Jahr als wissenschaftliche
Hilfskraft am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
an der Ruhr- Universität Bochum und nach einem weiteren
Studienabschluss (M.A.) (2002) als wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement
an der Universität Duisburg-Essen. Im vergangenen Jahr
schloss sie ihre Promotion ab und veröffentlichte gerade
beim Waxmann-Verlag ihre Dissertation mit dem Titel „Betreuungskonzepte
beim Blended Learning. Gestaltung und Organisation tutorieller
Betreuung“ [Link:
GMW Medien in der Wissenschaft; Band 41]

Dr. Nadine Ojstersek
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teletutoren.net:
Welche Erwartungen haben die Studierenden sonst noch an die Online-TutorInnen?
Dr. Nadine Ojstersek:
Die Aufgaben- und Kompetenzbereiche von Online-Tutor/inn/en im Rahmen
des Studienprogramms Educational Media liegen in den Bereichen Didaktik/Methodik
und face-to-face-Kontakt, persönliche Beziehung und Erreichbarkeit,
fachliche Unterstützung sowie Intensität der Betreuung.
In allen Bereichen sind die Erwartungen an die Betreuung sehr hoch.
Neben der didaktisch-methodischen Unterstützung
ist den Lernenden besonders der face-to-face-Kontakt wichtig. Im
Rahmen der Präsenzveranstaltungen des Online-Studiums werden
daher beispielsweise Kontaktmöglichkeiten durch Lerngruppengespräche
und gemeinsame abendliche Aktivitäten geschaffen. Eine Intensivierung
des Kontaktes wird durch zusätzliche Treffen in den virtuellen
Lernphasen erreicht. Die Lernenden wünschen sich das gesamte
Studium über mindestens einmal pro Monat ein virtuelles Lerngruppentreffen
mit ihrem/r LerngruppentutorIn. Eine Rückmeldung auf inhaltliche
und organisatorische Anfragen sollte nach spätestens zwei bis
drei Werktagen und ein ausführliches, schriftliches Feedback
zu den eingereichten Lernaufgabenlösungen nach spätestens
sieben Werktagen erfolgen Die Lernenden setzen sich sehr intensiv
mit dem Feedback auseinander und die Unzufriedenheit von Lernenden
resultiert häufig aus einer zu langsamen sowie nicht ausreichend
individuellen und ausführlichen Reaktion auf Fragen und Lernaufgabenlösungen.
Interessant ist, dass sich diese Erwartungen im Studienverlauf nicht
verändern.
teletutoren.net:
Gibt es Erwartungen, die sich im Verlauf eines Lernangebotes verändern
und was würde dies für die Aufgaben von Online-TutorInnen
bedeuten?
Dr. Nadine Ojstersek: Insbesondere
zu Beginn eines Lernangebotes benötigen die Lernenden eine
besonders intensive Unterstützung – vor allem im technischen
und im sozialen sowie im didaktisch-methodischen Bereich, da in
dieser Anfangsphase nicht alle Lernende über die notwendigen
Kompetenzen verfügen mediengestützt und selbstgesteuert
zu lernen. Auf Grund der zunehmenden Selbstlern- und Medienkompetenzen
im Studienverlauf nehmen die Erwartungen an die technische und fachliche
Betreuung jedoch ab.
Die Betreuungsleistungen sollten sich an die veränderten Bedürfnisse
der Lernenden anpassen, um diese den gesamten Prozess über
bestmöglich in ihrem Lernprozess unterstützen zu können.
Die aktive Rolle der Online-Tutor/inn/en wandelt sich im Verlauf
des Lernangebotes zu einer passiveren Rolle. Sie greifen nicht mehr
unmittelbar in Lern- und Gruppenprozesse ein, sondern beobachten
diese, um die Lernenden vor allem bei auftretenden Schwierigkeiten
zu unterstützen. Eine besondere Herausforderung für Online-TutorInnen
besteht darin, die richtige Balance zwischen Intervention und Autonomie
herzustellen.
teletutoren.net:
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung hinsichtlich der Aufgaben
und Kompetenzen von Online-Tutoren?
Dr. Nadine Ojstersek: Entsprechend
des zunehmenden Einsatzes von Web 2.0 Technologien, werden sich
auch die Aufgaben von Online-TutorInnen entsprechend der neuen Bedingungen
verändern. Unsere Lernplattform Online Campus 2.0 [Link]
hat bereits viele neue Funktionalitäten von WEB 2.0 integriert,
wie z.B. Blogs, Wikis, Newsfeeds und Podcasts. Studierende können
alleine oder gemeinsam in Lerngruppen an Materialien arbeiten und
Inhalte produzieren. Es stehen Werkzeuge zur Verfügung, die
die Kommunikation und den Austausch unter den Studierenden noch
besser und einfacher unterstützen. Auf der individuell konfigurierbaren
Startseite der persönlichen Lernumgebung können diese
Werkzeuge von den Studierenden ausgewählt und eingestellt werden.
Professor Kerres meint hierzu: „Die Aufforderung, mit einem
zum Beispiel in der Lernplattform inkludierten Diskussionsforum,
Blog-, Chat- oder Konferenztool zu arbeiten, erscheint so, als ob
wir von den Studierenden fordern würden, sie müssten ihre
Mitschriften auf kariertem Papier mit Bleistiften der Stärke
HB mitschreiben und anschließend in Ordnern der Marke X archivieren.“
[Link]
Auch wenn diese Aussage aus dem Zusammenhang gerissen ist, macht
sie sehr gut darauf aufmerksam, dass im Hinblick auf Web 2.0 nicht
nur die Toolverwendung bei bisherigen E-Learning-Angeboten zu überdenken
ist, sondern auch die damit verbunden Anforderungen an die Betreuenden.
So scheint es bei der Lernaufgabenformulierung unangemessen zu sein,
den Studierenden vorschreiben zu wollen, wie viele Zeichen ihre
Aufgabenlösung aufweisen soll, wenn ihnen andererseits die
Wahl des Bearbeitungstools freigestellt wird. Und hier schließt
sich der Kreis und wir sind wieder bei der Herausforderung für
Online-TutorInnen angelangt, die Balance zwischen Intervention und
Autonomie zu finden, jedoch unter sich ständig verändernden
Bedingungen. Online-TutorInnen können die Lernenden dabei unterstützen,
verschiedene Bearbeitungsmöglichkeiten einer Lernaufgabe und
Tools sowie ihre Möglichkeiten und Grenzen kennenzulernen und
zu reflektieren. Die Entscheidung, welches Tool sie letztendlich
nutzen möchten, und welche Vorgehensweise bei der Aufgabenlösung
sie wählen, sollten die Lernenden bzw. Lerngruppen zunehmend
selber treffen können. Online-TutorInnen werden sich jedoch
flexibel anpassen müssen: Nicht mehr die Lösungen der
Lernaufgaben landen in der Mailbox, sondern Hinweise, wo die Lösung
zu finden ist. Dies kann für ein- und dieselbe Aufgabe von
einer Lerngruppe ein Blogeintrag und von einer anderen Lerngruppe
ein Wikibeitrag sein. Eine dritte Lerngruppe hat vielleicht gemeinsam
ein Podcast produziert. Wie erstellt man ein Feedback auf solch
verschiedene Lernaufgabenlösungen? Wie erkenne ich als Online-TutorIn,
wer welchen Beitrag zur Aufgabenlösung geleistet hat? Dies
sind nur zwei von vielen Fragen, die sich aus den neuen Möglichkeiten
ergeben und in Zukunft Online-TutorInnen beschäftigen werden.
Nicht nur die Lernenden stehen vor der Herausforderung der Potenziale
und Grenzen von Web 2.0, ebenso müssen sind auch die Online-TutorInnen
mit dieser neuen Art der Wahrnehmung und Nutzung des Internet und
mit der Frage, welche Konsequenzen dies für die Gestaltung
der Betreuung beim E-Learning hat, auseinandersetzen.
teletutoren.net:
Vielen Dank für dieses interessante Interview!
Interviewerin: Gabriela Pflüger
Link:http://mediendidaktik.uni-duisburg-essen.de/oc
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