teletutoren.net - Experteninterview des Monats


Interview im Juni/Juli 2006: "Online-Beratung ist reale Beratung im virtuellen Raum"
Interview mit Stefan Kühne, Wien (A), Herausgeber des Online Magazins e-beratungsjournal.net

teletutoren.net: Herr Kühne, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Stefan Kühne: Ich arbeite seit 2002 als Online-Trainer in verschiedenen nationalen und internationalen train-the-trainer Lehrgängen und bin seit 2003 mit der Leitung und Durchführung des Lehrgangs [online.beratung] am wienXtra-institut für freizeitpädagogik (www.ifp.at) in Wien betraut.

teletutoren.net: Sie sind auch Herausgeber des Online Magazins e-beratungsjournal.net. Welche Zielgruppe sprechen Sie mit Ihrem Magazin an?

Stefan Kühne: Das e-beratungsjournal.net versteht sich als Fachzeitschrift für Online-Beratung und computervermittelte Kommunikation. Gemeinsam mit Gerhard Hintenberger habe ich dieses Journal mit dem Ziel entwickelt, eine breite Fachöffentlichkeit im deutschsprachigen Raum zu vernetzen und eine Plattform zur Verfügung zu stellen, auf der aktuelle Themen der Online-Beratung und wissenschaftliche Arbeiten kostenlos zugänglich sind. Gemeinsam mit einem Redaktionsteam und unterstützt durch den hochkarätigen wissenschaftlichen Beirat haben wir im März die zweite Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Standards der Online-Beratung“ veröffentlicht. Die nächste Ausgabe („Methodik der Online-Beratung“) wird im September erscheinen.

teletutoren.net: In welcher Hinsicht sehen Sie Parallelen zwischen Online-Beratung und Online-Tutoring bzw. der Betreuung von Lernenden über das Netz?

Stefan Kühne: Zuerst ist da natürlich die kanalreduzierte Kommunikation zu nennen. Online-Beratung findet ebenso wie die meisten Angebote im eLearning-Bereich textbasiert statt. BeraterInnen benötigen Erfahrung in den Bereichen Text- und Kontextkompetenz und sollten Wissen über virtuelle Gruppen und deren Dynamik haben. Methoden der E-Moderation und ein sehr gutes Wissen über technische Möglichkeiten sollten ebenfalls bei Online-BeraterInnen vorhanden sein. Wir haben im Lehrgang [online.beratung] aus diesem Grund die Entscheidung getroffen, ihn als blended E-Learning Lehrgang anzulegen und haben das zentrale Modul „Online-Kommunikation“ direkt aus einem train-the-trainer Lehrgang für Online-Lehre und Online-Lernen weiterentwickelt. Ähnlich wie in der Ausbildung für E-Trainer, werden u.a. das Schreiben und Formulieren von Texten geübt, mit dem Unterschied, dass es sich nicht um Lernaufgaben oder Feedbacks handelt, sondern dass Beratungs-E-Mails bearbeitet werden und innerhalb der Lehrgangsgruppe gefeedbackt werden. Online Training ist eine wichtige Voraussetzung um später gut als Online-BeraterIn arbeiten zu können.

teletutoren.net: Wo sehen Sie Unterschiede zwischen Online-Beratung und Online-Coaching?

Stefan Kühne: Die Begriffe sind leider noch nicht ausreichend definiert und die Grenzen sind fließend, da selbst im Online-Beratungs-Bereich viele AnbieterInnen den Begriff jeweils anders definiert haben. Im Feld der psychosozialen Online-Beratung würde ich einen Unterschied darin sehen, ob ich mich als Online-Berater auf einen Beratungsprozess einlasse, dem ich einen klaren Rahmen zur Verfügung stelle oder ob ich vielmehr beratend und begleitend eine Unterstützung in Form eines Coachings anbiete. Beides ist natürlich online möglich und es hängt jeweils von der Zielsetzung des Angebots ab, für welche Variante ich mich entscheide und wie ich mein Angebot dann nenne. Hier gibt es einen ziemlich unübersichtlichen Wildwuchs: Online-Beratung, E-Beratung, virtuelle Beratung, Online-Counselling, Internet-Beratung, Cyber-Psychologie und das ganze dann auch im Coaching mit ähnlichen Namen. Mir gefällt die Formulierung „psychosoziale Online-Beratung ist reale Beratung im virtuellen Raum“ am besten.

Stefan Kühne
Online-Trainer und Herausgeber des Online-Magazins e-beratungsjournal.net

teletutoren.net: Wie gewährleisten Sie die Anonymität eines Ratsuchenden im Rahmen einer Online-Beratung?

Stefan Kühne: Wenn es das Ziel des Angebotes ist, eine anonyme Beratung anzubieten, so sind verschiedenen Formen möglich. Entweder ich biete einen öffentlichen Platz, wie z.B. ein Forum im Internet für Beratungsanfragen an, das wäre dann ohne Registrierung eine sehr niedrigschwellige und völlig anonyme Form der Beratung, oder ich biete eine webbasierte Beratungsumgebung an, bei der ein Zugang mit E-Mail-Adresse und Passwort möglich ist. Vergleichbar mit einem LMS wie Moodle, gibt es inzwischen eigene professionelle Beratungssoftware, wie z.B. Beranet, mit der sehr viele BeraterInnen im deutschsprachigen Raum arbeiten. Neben der Anonymität ist das Thema Datenschutz in der Online-Beratung übrigens viel wichtiger als im E-Learning-Bereich. Psychosoziale Online-Beratung muss gewährleisten, dass der Beratungsprozess nicht für Dritte einsehbar ist. Webbasierte (und verschlüsselte) Mail-Beratung scheint sich dabei als Standard durchzusetzen.

teletutoren.net: Sie leben in Österreich und überblicken vermutlich auch die E-Learning-Szene in Ihrem Land. Welche Themen sind in der "Szene" in Österreich momentan aktuell?

Stefan Kühne: Die österreichische E-Learning Szene ist recht unübersichtlich. Zwar hatten wir gerade im Juni die Annual Conference des European Distance and E-Learning Netzwerks EDEN zu Gast in Wien (www.eden-online.org) und im kommenden Herbst findet in Klagenfurt die Tagung zu Learning-Communities statt (www.learning-communities.at). Insgesamt gesehen finde ich jedoch, dass zwar zum einen eine Reihe von Projekten im schulischen und außerschulischen Kontext ganz beachtliche Fortschritte machen, es aber trotzdem an einer österreichischen E-Learning-Strategie fehlt. Web 2.0 ist natürlich auch hier Thema und die weitere Entwicklung mit Wikis, Weblogs und allen Formen des Podings wird diskutiert. Die Schulen tun sich dabei aber immer noch schwer, einen Mindeststandard an Medienkompetenz und E-Learning-Angeboten anzubieten und umzusetzen.

teletutoren.net: Existieren in Österreich Netzwerke von E-Learning-Akteuren? Falls ja, welche gibt es?

Stefan Kühne: Da fällt mir außer dem Serverprojekt in Graz (http://serverprojekt.fh-joanneum.at/sp/index.php) kein weiteres (aktives) Netzwerk ein, was natürlich nicht heißt, das es keines gibt. Auch hier sind schon manche Initiativen im Sand verlaufen und auch ein von der Österreichischen Computergesellschaft OCG vor Jahren ins Leben gerufener Arbeitskreis E-Learning-Didaktik kam nie wirklich zum Arbeiten.

teletutoren.net: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten von Networking generell und für Ihre Branche - Online-Beratung - im Besonderen ein?

Stefan Kühne: Networking halte ich für essentiell, noch dazu, wo es durch Online-Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg problemlos möglich ist. Im Feld der Online-Beratung können wir sehr viel von den Erfahrungen des E-Learning-Bereichs lernen und müssen somit das Rad der Online-Kommunikation nicht neu erfinden. Initiativen wie das teletutoren.net sind daher auch für uns im Bereich der Online-Beratung sehr interessant und eine Bereicherung. Networking spart Ressourcen aber natürlich müssen die einzelnen AkteurInnen auch zusammenarbeiten wollen. ;-)

teletutoren.net: Herr Kühne, vielen Dank für dieses interessante Interview!