teletutoren.net - Experteninterview des Monats


Interview im Oktober 2006:
Interview mit Frank Böhm,
Autor des neu erschienenen Buches: "Der Draht zum Tele-Tutor -
Tutorielle Betreuung Lehrender und Lernender im virtuellen Raum"

teletutoren.net: Herr Böhm , bitte stellen Sie sich kurz vor.

Frank Böhm: Ich bin Diplom Sozialpädagoge und arbeite an der Universität Siegen. Dort berate ich Lehrende beim Einsatz von E--Learning Anwendungen. Darüber hinaus bin ich Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift Siegen:Sozial und aktiv im Feld der Schulsozialarbeit.
Neben meiner derzeitigen beratenden Funktion im Bereich E-Learning und Content Managment, arbeite ich mich in das Learning Management System „Moodle“ ein, um demnächst an der hiesigen Universität wieder als Tele-Tutor Seminare betreuen zu können.

teletutoren.net: Sie haben ein Buch über Teletutoren geschrieben, das auf empirischen Forschungsergebnissen beruht. Wie lautete die Fragestellung Ihrer Untersuchung? Welche Ergebnisse daraus sind besonders interessant für unsere Tele-Tutoren?

Frank Böhm: Seit ich während meines Studiums zum ersten Mal ein E-Learning Seminar besucht habe, hat mich die Frage nicht mehr losgelassen, wo der Mehrwert eines virtuellen Seminars im Vergleich zu einer „herkömmlichen“ Präsenzveranstaltung liegt. Ich wollte wissen, von welchen Faktoren ein gelingendes Seminar im virtuellen Raum abhängt, speziell welche Rolle der Teletutor in diesem Setting einnimmt und über welche Qualifikationen er verfügen muss. Aus diesem Grund habe ich gezielt Dozenten angesprochen und sie gefragt, ob sie mit mir als tutorielle Unterstützung einen Schritt in das virtuelle Zeitalter wagen.
Mehrere Seminare – teils rein virtuell, teils Blended Learning – habe ich daraufhin begleitet und die Teilnehmer im Anschluss an die Seminare schriftlich befragt.

Eine Emailumfrage unter Konstrukteuren und Betreibern von E-Learning-Anwendungen ergänzen die Rückmeldungen und liefern einen aktuellen Blick in die Praxis. Diese Ergebnisse – zusammen mit meinen eigenen Erfahrungen – liefern meiner Meinung nach ein realistisches Bild vom momentanen Stand im E-Learning Sektor.
Ersten Rückmeldungen zum Buch kann ich entnehmen, dass viele Leser durch die Lektüre ermutigt wurden, weitere E-Learning Seminare anzubieten. Ein Grund liegt darin, dass ich in meinen Seminarschilderungen nichts beschönige und immer wieder betone, dass viele Punkte nicht optimal geplant und verlaufen sind. Dennoch haben gerade diese Fehler zum Lernprozess beigetragen. Unter diesem Aspekt könnte ich mir gut vorstellen, dass das Buch für Ihre Teletutoren interessant ist.

teletutoren.net: Sind Ihrer Ansicht nach tutoriell betreute Veranstaltungen grundsätzlich „besser“ als unbetreute oder muss der Teletutor über bestimmte Qualifikationen verfügen, damit positive Effekte überhaupt auftreten?

Frank Böhm: Ich denke, dass man erst mal zwischen menschlicher und maschineller tutorieller Betreuung unterscheiden muss. Viele Learning Management Systeme besitzen zum Beispiel eine tutorielle Betreuung auf maschineller Basis, die dem Lernenden 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht. Natürlich kann diese Art der Betreuung niemals einen menschlichen Teletutor ersetzen. Dennoch gibt es Bereiche, wo diese Betreuung durchaus sinnvoll erscheint (z.B. automatische Testkorrekturen bzw. Wissensabfragen, Erinnerungsmails, etc.), um menschliche Ressourcen zu schonen.
Um auf Ihre Frage zu kommen, würde ich sagen, dass sich die Qualität tutoriell betreuter Seminare aus verschiedenen Komponenten zusammen setzt. Eine wichtige Variable ist dabei sicherlich der Teletutor und seine Qualifikation. Schwierig ist nur die Bestimmung der benötigten Fähigkeiten. Ich habe im theoretischen Teil des Buchs versucht, das Handwerkszeug für Teletutoren zusammenzustellen, sozusagen die „Tutor-Basics“. Hierzu gehören u.a. Kenntnisse über verschiedene didaktische Ansätze („cognitive apprenticeship“, „anchored instruction“), Unterscheidungsmerkmale der einzelnen Rollen im virtuellen Raum und eine Typologie der Lerntypen, auf die man als Teletutor vorbereitet sein sollte. Etwas überspitzt aber dennoch nicht ganz realitätsfern habe ich außerdem eine Mind Map erstellt, die alle Eigenschaften eines „idealen“ Teletutors bündelt.


Frank Böhm
Sozialpädagoge, Teletutor und Autor

teletutoren.net: Wie sehen Sie die Rolle des Teletutors in Hochschulseminaren im Unterschied zur Rolle des Lehrenden? Wie stehen Sie zu der verbreiteten Forderung, dass der Teletutor Fachexperte für das zu betreuende Gebiet sein sollte?

Frank Böhm: Auch wenn sich die Aufgabenbereiche der beiden Seminarbetreuer, Dozent bzw. Kursleiter und Teletutor unterscheiden, arbeiten sie dennoch eng zusammen. Sie müssen sich stets gegenseitig über die geplanten Arbeitsschritte verständigen, um einen optimalen Verlauf zu erzielen. Die Annahme, dass die Rolle des Teletutors nur auf die administrativen Aufgaben beschränkt ist (z.B. Pflege der Lernplattform, Betreuung der Anmeldungen etc.), blendet die wirklichen Anforderungen (z.B. Lernberater, Lernmotivator) gänzlich aus. Hier würde ich für eine transparentere Darstellung der tatsächlich eingebrachten Ressourcen plädieren!
Die Forderung, Teletutoren sollten stets Fachexperten auf dem zu betreuenden Gebiet sein, kann ich nicht vollends unterstützen. Aus meiner Sicht sollten Teletutoren natürlich eine pädagogische Grundbildung besitzen und spezielle Kenntnisse über Lernmodelle und -typen. Die Notwendigkeit des Fachwissens obliegt aber dennoch dem Lehrenden. Er ist Initiator und Richtungsweiser der Veranstaltung und kann zu gegebenem Anlass den Teletutor mit in die fachspezifische Planung involvieren. Dennoch sind die Hauptaufgaben des Teletutors in Hochschulseminaren nicht auf dieser Ebene angesiedelt.

teletutoren.net: Welche Vision einer idealen Lehrveranstaltung beschreiben Sie in Ihrem Buch?

Frank Böhm: Die von mir konzipierte Lehrveranstaltung stellt die Zusammenführung der Ergebnisse aus den Interviewantworten und meinen eigenen Erfahrungen als Teletutor, angereichert mit theoretischen/didaktischen Grundlagen dar. Ich habe für meine Musterveranstaltung die Seminarform des „Blended Learning“ gewählt, also eine Mischung aus Präsenz- und virtueller Veranstaltung. Diese Verbindung scheint mir zum momentanen Zeitpunkt die sinnreichste Form zu sein, die Vorteile von Präsenzveranstaltungen mit den Vorteilen rein virtueller Seminare zu verbinden. Jede Form für sich führt letztendlich nur zum Phänomen der „Monokultur“, die durchaus ertragreich ist, erfahrungsgemäß aber wenig Fortschritt bewirkt hat.

teletutoren.net: Herr Böhm, vielen Dank für dieses interessante Gespräch und viel Erfolg mit Ihrem Buch!

Frank Böhm: Ich danke ebenfalls und hoffe, dass mein Buch zur Diskussion anregt und den Lesern Mut macht, e-Learning in Verbindung mit tutorieller Betreuung auszuprobieren, wenn sie es nicht schon längst betreiben.