teletutoren.net - Experteninterview des Monats


Interview im Dezember 2007:
„Interkulturelle Kompetenz beim Online-Lernen“

teletutoren.net: Frau Fiedler, warum sollten Teletutoren sich mit dem Thema „Interkulturelle Kompetenz“ auseinandersetzen? Wo kommt es beim Online-Lernen zu Berührungspunkten mit diesem Thema?

Andrea Juchem-Fiedler: Gerade beim virtuellen bzw. Online-Lernen gibt es keine Grenzen, es ist ein Lernen über alle Staats-, Nationen- und Kulturgrenzen hinweg. Die Teilnahme an einem Online-Kurs ist nicht an einen bestimmten Wohnort gebunden, d.h. es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass der Moderator bzw. Teletutor mit Teilnehmern unterschiedlicher Nationalität arbeitet oder auch mit Menschen gleicher Nationalität, die sich jedoch zum Zeitpunkt des Online-Kurses in unterschiedlichen Ländern aufhalten. Diese unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Teilnehmer beeinflussen die Dynamik der Gruppe und auch das Lernen in der Gruppe. Kommunikation und Kommunikationsstile sind ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Prägung der Menschen. Dies beeinflusst wiederum die Didaktik eines Online-Kurses und dessen sollte sich der Teletutor bewusst sein, um darauf auch eingehen zu können.

teletutoren.net: Ist „Interkulturelle Kompetenz“ auch für Teletutoren, die keine Gruppen unterschiedlicher Nationalität betreuen zu fordern? Welche Teilkompetenzen zählen aus Ihrer Sicht zur „Interkulturellen Kompetenz“?

Andrea Juchem-Fiedler: Der Begriff der Interkulturalität wird im umgangssprachlichen Gebrauch meist gleichgesetzt mit international. Das heißt, meist wird unterstellt, dass sich die Menschen aufgrund ihrer Nationalität unterscheiden. Es ist aber ganz wichtig zu wissen, dass auch innerhalb der Grenzen einer Nation nicht die gleiche Kultur vorherrscht. Schauen Sie sich einfach die Menschen an, die einen deutschen Pass besitzen: sie gehören damit einer Nation an und man unterstellt einfach, diese Menschen besäßen die gleiche Kultur. Ich brauche Ihnen sicher nicht aufzuzeigen, dass das eine falsche Annahme ist. Für die Fragestellung heißt das: auch wenn der Teletutor eine Gruppe von Teilnehmern mit gleicher Nationalität betreut kommt es in der Gruppe zu interkulturellen Überschneidungssituationen und auch darauf sollte sich der Teletutor einstellen können.

Eine einheitliche Definition von interkultureller Kompetenz existiert nicht. Was zur interkulturellen Kompetenz gezählt wird, hängt auch immer von der wissenschaftlichen Richtung ab. Ich würde sowohl Sachkompetenz, also das Wissen um Kultur und Dimensionen von Kultur, Handlungskompetenz - die Kompetenz auch in interkulturellen Situationen handlungsfähig zu bleiben und bewusst neue, andere Situationen gestalten zu können-, Sozialkompetenz, d.h. wie geht man mit anderen Menschen aus fremden Kulturen oder mit Stress um, der in der Fremde auftritt, und Selbstkompetenz (die eigene kulturelle Identität zu hinterfragen und zu reflektieren).

Andrea Juchem-Fiedler ist geschäftsführende Gesellschafterin der Frauen coachen Frauen GbR, Online & Präsenzcoaching für Berufs- und Karriereplanung von Frauen; ausgebildete Trainerin & Coach für interkulturelle Kompetenzen; Inhaberin/Geschäftsführerin in-between, intercultural training & coaching, Diplom-Kauffrau mit Erfahrungen im internationalen Marketing und Vertrieb; M.A. Studium Arbeits- und Organisationspychologie, FernUniversität Hagen; langjährige Auslandsaufenthalte

teletutoren.net: Wie können diese Kompetenzen erworben werden?

Andrea Juchem-Fiedler: Teilweise sind die genannten Bestandteile nicht nur auf interkulturelle Situationen beschränkt, sondern werden im Rahmen der Sozialisation in Erziehung und Ausbildung erworben.
Menschen, die man als interkulturell kompetent bezeichnet, zeigen eine interkulturelle Kommunikationsbereitschaft und Offenheit. Sie sind in der Lage Perspektiven zu wechseln und ihre eigene kulturelle Identität zu hinterfragen (Selbstreflexion).
Die eigene, persönliche Erfahrung mit und in anderen Kulturen ist für mich ein sehr wichtiges Kriterium um interkulturelle Kompetenz zu erlangen. Dies sollte über einen Kurzaufenthalt (Urlaub oder ähnliches) hinaus gehen. Es ist sicher ratsam, seine interkulturellen Erfahrungen durch längere Auslandsaufenthalte zu entwickeln. Durch die Konfrontation mit Fremdheit, fällt es leichter sich selbst in interkultureller Hinsicht zu reflektieren.

teletutoren.net: Dies hört sich so an, als ob an sich nicht nur in Training und Unterricht tätige Personen diese Kompetenzen benötigen würden. Würden Sie vorschlagen, dass bereits in der Schule, als Schüler, eine Heranführung an das Thema erfolgen sollte? Wie könnte eine Unterrichtseinheit dazu aussehen?

Andrea Juchem-Fiedler: Interkulturelle Erziehungswissenschaft ist seit einigen Jahren bereits ein wichtiges Thema in der erziehungswissenschaftlichen Forschung und sie gewinnt an Bedeutung hinzu. Leider findet dieses Thema bisher aber noch viel zu wenig Eingang in die pädagogische Ausbildung von Lehrern und Erziehern und noch weniger wird sie in der erziehungswissenschaftlichen Praxis angewendet. Warum dies wichtig ist, das kann man z.B. ganz deutlich an der Diskussion um die deutschen Pisa-Ergebnisse sehen und daran, wie die Bildungssituation in Deutschland zur Zeit aussieht. Wenn man sich die Zusammensetzung einer Schulklasse an einer Schule z.B. in Berlin ansieht, dann liegt es auf der Hand, warum ein Lehrer interkulturelle Kompetenz besitzen sollte. Die Tatsache, dass in Deutschland Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund die schlechtesten Schulabschlüsse haben und bei Bildung und Ausbildung stark benachteiligt werden, zeigt ganz deutlich wie wichtig interkulturelle Kompetenz (i.S.v. Wissen über fremde Kulturen, Fähigkeit Perspektivenwechsel vornehmen zu können, Offenheit für andere Kulturen zu zeigen und eine Bereitschaft zur interkulturellen Kommunikation) für die Lehrenden - aber auch schon für die Schüler - ist.
Es werden sicher bereits vereinzelt gute Ansätze in den Schulen durchgeführt, meist beschränkt sich der kulturelle Austausch aber auf das gemeinsame Feiern von traditionellen Festen oder auf kulinarischen Austausch. Es geht aber um mehr. Ich finde es wichtig, Kinder kulturell zu sensibilisieren, ihnen Informationen über ihre eigene Kultur zu geben und darüber, wie Kultur die eigene Identität beeinflusst und wie stark dieser Einfluss sein kann. Ihnen damit auch klar zu machen, dass es nicht „die“ Kultur gibt, jede Kultur ist wichtig für die Identitätsbildung der Menschen, die sich ihr zugehörig fühlen. Kinder sollten lernen, was Kultur ist, welche Begriffe sich dahinter verstecken und welche Dimensionen dazu zählen können. Es ist wichtig zu lernen und zu lehren, dass jeder Mensch in seinem Verhalten auch kulturell beeinflusst ist.

teletutoren.net: Vielen Dank für dieses interessante Interview!

Interviewerin: Gabriela Pflüger

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