| teletutoren.net:
Frau Fiedler, warum sollten Teletutoren sich mit dem Thema
„Interkulturelle Kompetenz“ auseinandersetzen? Wo kommt
es beim Online-Lernen zu Berührungspunkten mit diesem Thema?
Andrea Juchem-Fiedler: Gerade
beim virtuellen bzw. Online-Lernen gibt es keine Grenzen, es ist
ein Lernen über alle Staats-, Nationen- und Kulturgrenzen hinweg.
Die Teilnahme an einem Online-Kurs ist nicht an einen bestimmten
Wohnort gebunden, d.h. es ist durchaus nicht ungewöhnlich,
dass der Moderator bzw. Teletutor mit Teilnehmern unterschiedlicher
Nationalität arbeitet oder auch mit Menschen gleicher Nationalität,
die sich jedoch zum Zeitpunkt des Online-Kurses in unterschiedlichen
Ländern aufhalten. Diese unterschiedlichen kulturellen Hintergründe
der Teilnehmer beeinflussen die Dynamik der Gruppe und auch das
Lernen in der Gruppe. Kommunikation und Kommunikationsstile sind
ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Prägung der Menschen.
Dies beeinflusst wiederum die Didaktik eines Online-Kurses und dessen
sollte sich der Teletutor bewusst sein, um darauf auch eingehen
zu können.
teletutoren.net:
Ist „Interkulturelle Kompetenz“ auch für
Teletutoren, die keine Gruppen unterschiedlicher Nationalität
betreuen zu fordern? Welche Teilkompetenzen zählen aus Ihrer
Sicht zur „Interkulturellen Kompetenz“?
Andrea Juchem-Fiedler: Der Begriff
der Interkulturalität wird im umgangssprachlichen Gebrauch
meist gleichgesetzt mit international. Das heißt, meist wird
unterstellt, dass sich die Menschen aufgrund ihrer Nationalität
unterscheiden. Es ist aber ganz wichtig zu wissen, dass auch innerhalb
der Grenzen einer Nation nicht die gleiche Kultur vorherrscht. Schauen
Sie sich einfach die Menschen an, die einen deutschen Pass besitzen:
sie gehören damit einer Nation an und man unterstellt einfach,
diese Menschen besäßen die gleiche Kultur. Ich brauche
Ihnen sicher nicht aufzuzeigen, dass das eine falsche Annahme ist.
Für die Fragestellung heißt das: auch wenn der Teletutor
eine Gruppe von Teilnehmern mit gleicher Nationalität betreut
kommt es in der Gruppe zu interkulturellen Überschneidungssituationen
und auch darauf sollte sich der Teletutor einstellen können.
Eine einheitliche Definition von interkultureller
Kompetenz existiert nicht. Was zur interkulturellen Kompetenz gezählt
wird, hängt auch immer von der wissenschaftlichen Richtung
ab. Ich würde sowohl Sachkompetenz, also das Wissen um Kultur
und Dimensionen von Kultur, Handlungskompetenz - die Kompetenz auch
in interkulturellen Situationen handlungsfähig zu bleiben und
bewusst neue, andere Situationen gestalten zu können-, Sozialkompetenz,
d.h. wie geht man mit anderen Menschen aus fremden Kulturen oder
mit Stress um, der in der Fremde auftritt, und Selbstkompetenz (die
eigene kulturelle Identität zu hinterfragen und zu reflektieren).

Andrea Juchem-Fiedler
ist geschäftsführende Gesellschafterin der Frauen
coachen Frauen GbR, Online & Präsenzcoaching für
Berufs- und Karriereplanung von Frauen; ausgebildete Trainerin
& Coach für interkulturelle Kompetenzen; Inhaberin/Geschäftsführerin
in-between, intercultural training & coaching, Diplom-Kauffrau
mit Erfahrungen im internationalen Marketing und Vertrieb;
M.A. Studium Arbeits- und Organisationspychologie, FernUniversität
Hagen; langjährige Auslandsaufenthalte
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teletutoren.net:
Wie können diese Kompetenzen erworben werden?
Andrea Juchem-Fiedler:
Teilweise sind die genannten Bestandteile nicht nur auf interkulturelle
Situationen beschränkt, sondern werden im Rahmen der Sozialisation
in Erziehung und Ausbildung erworben.
Menschen, die man als interkulturell kompetent bezeichnet, zeigen
eine interkulturelle Kommunikationsbereitschaft und Offenheit. Sie
sind in der Lage Perspektiven zu wechseln und ihre eigene kulturelle
Identität zu hinterfragen (Selbstreflexion).
Die eigene, persönliche Erfahrung mit und in anderen Kulturen
ist für mich ein sehr wichtiges Kriterium um interkulturelle
Kompetenz zu erlangen. Dies sollte über einen Kurzaufenthalt
(Urlaub oder ähnliches) hinaus gehen. Es ist sicher ratsam,
seine interkulturellen Erfahrungen durch längere Auslandsaufenthalte
zu entwickeln. Durch die Konfrontation mit Fremdheit, fällt
es leichter sich selbst in interkultureller Hinsicht zu reflektieren.
teletutoren.net:
Dies hört sich so an, als ob an sich nicht nur in Training
und Unterricht tätige Personen diese Kompetenzen benötigen
würden. Würden Sie vorschlagen, dass bereits in der Schule,
als Schüler, eine Heranführung an das Thema erfolgen sollte?
Wie könnte eine Unterrichtseinheit dazu aussehen?
Andrea Juchem-Fiedler: Interkulturelle
Erziehungswissenschaft ist seit einigen Jahren bereits ein wichtiges
Thema in der erziehungswissenschaftlichen Forschung und sie gewinnt
an Bedeutung hinzu. Leider findet dieses Thema bisher aber noch
viel zu wenig Eingang in die pädagogische Ausbildung von Lehrern
und Erziehern und noch weniger wird sie in der erziehungswissenschaftlichen
Praxis angewendet. Warum dies wichtig ist, das kann man z.B. ganz
deutlich an der Diskussion um die deutschen Pisa-Ergebnisse sehen
und daran, wie die Bildungssituation in Deutschland zur Zeit aussieht.
Wenn man sich die Zusammensetzung einer Schulklasse an einer Schule
z.B. in Berlin ansieht, dann liegt es auf der Hand, warum ein Lehrer
interkulturelle Kompetenz besitzen sollte. Die Tatsache, dass in
Deutschland Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund die schlechtesten
Schulabschlüsse haben und bei Bildung und Ausbildung stark
benachteiligt werden, zeigt ganz deutlich wie wichtig interkulturelle
Kompetenz (i.S.v. Wissen über fremde Kulturen, Fähigkeit
Perspektivenwechsel vornehmen zu können, Offenheit für
andere Kulturen zu zeigen und eine Bereitschaft zur interkulturellen
Kommunikation) für die Lehrenden - aber auch schon für
die Schüler - ist.
Es werden sicher bereits vereinzelt gute Ansätze in den Schulen
durchgeführt, meist beschränkt sich der kulturelle Austausch
aber auf das gemeinsame Feiern von traditionellen Festen oder auf
kulinarischen Austausch. Es geht aber um mehr. Ich finde es wichtig,
Kinder kulturell zu sensibilisieren, ihnen Informationen über
ihre eigene Kultur zu geben und darüber, wie Kultur die eigene
Identität beeinflusst und wie stark dieser Einfluss sein kann.
Ihnen damit auch klar zu machen, dass es nicht „die“
Kultur gibt, jede Kultur ist wichtig für die Identitätsbildung
der Menschen, die sich ihr zugehörig fühlen. Kinder sollten
lernen, was Kultur ist, welche Begriffe sich dahinter verstecken
und welche Dimensionen dazu zählen können. Es ist wichtig
zu lernen und zu lehren, dass jeder Mensch in seinem Verhalten auch
kulturell beeinflusst ist.
teletutoren.net:
Vielen Dank für dieses interessante Interview!
Interviewerin: Gabriela Pflüger
Download
des Interviews als PDF
Links: http://www.frauen-coachen-frauen.de
http://www.in-between.de
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